 Nr.: 200/08.03.2010
Als ich neidisch war
Bei der Nationalen Volksarmee oder volkstümlich: bei der Fahne vermochten es die Offiziere immer wieder, unsereinen in Entzücken zu versetzen mit der Art, wie sie mit der deutschen Sprache umgingen. Diese Menschen in Uniform hatten der Armee ihr Leben anvertraut, und auch wenn sie nach fünfzehn, zwanzig oder dreißig Jahren verabschiedet wurden, blieb ihr Leben eben doch ein Militär- oder Soldatenleben. So ganz konnten sie im zivilen Leben nicht mehr landen. Manchmal musste ein Offizier eine Beurteilung schreiben. Die konnte durchaus so beginnen: Der Soldat Schwabe ist ein ruhiger, disziplinierter und zerstreuter Genosse. Wenn man das las, war man natürlich echt von den Socken. So was würde einem doch nie einfallen, auch wenn man noch so grübelte, und diesen verdammten Offizieren fiel das einfach so zu. So ähnlich denke ich auch, wenn ich des Morgens die Kurzreportagen im Radio höre. Diese Reporter reden so begnadet, wie die Offiziere schrieben. Der Lotse so und so sagt, dass mit der Krise nun auch weniger Schiffe kämen und macht einen Ausfallschritt. Und macht einen Ausfallschritt! Das ist doch toll! Neben ihm zieht ein anderer Kollege die Augenbraue hoch. Da bin ich platt. Und natürlich neidisch. Wie erlernt man dieses Schreiben, ohne zu denken. Da steht einer neben einem und zieht die Augenbraue hoch! Und das herauszuarbeiten und einem Millionenpublikum mitzuteilen! Klasse.
Fritz-Jochen Kopka |
| |