 Nr.: 49/02.04.2007
Generation minus50
Neulich trafen wir eine Freundin auf
ein Glas Wein. Sie war Redakteurin einer führenden Illustrierten
und gerade mit 59 Jahren in den Vorruhestand gegangen. Zu jung,
dachte ich, wie sie so quirlig da saß, gesund und hellwach,
eine, die sich ihre Neugier bewahrt hat. Die stillt sie jetzt mit
Literatur und Kino am Nachmittag.
Das machte ihr anfangs Spaß.
Inzwischen vermisste sie jedoch die Arbeit, die Kollegen und die
Inspirationen eines großen Verlagshauses. ?Muss mich jetzt
halt selbst inspirieren?, sagte sie tapfer. Warum sie ohne Not
ausgestiegen ist? ?Wegen der ?alten Säcke??, antwortete
sie. Bei jeder Gelegenheit habe der Chefredakteur die Parole ?ist
auch so?n alter Sack? in die Runde geworfen. Derartige
Unverschämtheiten, dachte ich, muss ich mir als Freie zum Glück
nicht anhören. Ich würde arbeiten, so lange ich mich fit
fühle.
Wenige Tage nach dem Gespräch
klingelte das Telefon. Am Apparat war eine leitende Redakteurin der
führenden Illustrierten. Sie lobte meinen Text, erteilte einen
Anschlussauftrag und fügte hinzu: ?Ich habe übrigens
durchgekriegt, wieder mehr erfahrene Kollegen zu beschäftigen.
Es geht einfach nicht anders.? Ich werde demnächst 48. Wie
konnte ich nur so naiv sein.
Sabine Böhne
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