 Nr.: 104/21.04.2008
Schreiben für lau
In Deutschland gelten Journalisten-Blogs als unfein, Wichtigtuerei, Armeleutegeschreibsel. Doch solche Blogs (wie die von Niggemeier, Knüwer, Meyer, Jarchow) sind wunderbare Möglichkeiten, lästige Hierarchien zu umgehen: Keine Zeitverzögerung, keine Zensur, kein Ärger.
Warum aber (fragen besorgte Kollegen) schreiben solche Leute für lau? Für eine Handvoll Leser? (Müsste man nicht umgekehrt fragen: Was ist mit unseren Medien los, dass Journalisten das tun?) Hier ein paar Motive, alphabetisch geordnet:
- Sie wollen nicht, dass man ihnen reinredet.
- Sie haben einfach zu allem eine Meinung.
- Sie sind Besserwisser.
- Sie ertragen vorgesetzte Dummheit nicht.
- Sie wollen Schriftsteller sein.
- Sie haben als Kind schon gern geschrieben.
- Sie sind viel zu nervös, um nur einen Text pro Woche zu veröffentlichen.
- Sie brauchen die Abwechslung.
- Sie möchten etwas riskieren (notfalls den Job).
- Sie wollen Staub aufwirbeln.
- Sie würden sich sonst langweilen.
- Sie wollen Sand ins Getriebe streuen.
- Sie wollen später mal sagen können: Ich bin dabei gewesen.
- Sie wollen sich später nicht fragen lassen: Warum habt ihr es nicht verhindert?
- Sie wollen die Medien besser machen.
- Sie wollen die Welt besser machen.
- Sie platzen vor Ehrgeiz.
- Sie wollen in Übung bleiben.
- Sie wollen Netzwerke bilden.
- Sie wollen Seilschaften bilden.
- Sie bewerben sich ständig für höhere Aufgaben.
- Sie lieben die Selbstinszenierung.
- Sie haben Organisationstalent.
- Sie haben eine Geschäftsidee.
- Sie sind Unternehmer.
- Sie machen es, weil sie es können.
Aber Vorsicht!
Man kann sich auch totbloggen.
Wolfgang Michal
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