Heute: Das Porträt
Das Wissen über die Regeln des Journalismus scheint allmählich verloren zu gehen. Zum Beispiel die Regel Nr.1: Lege niemals einer beschriebenen Person Deinen Text vor. Offenbar geschieht aber genau das immer öfter. Man will schließlich hinterher keinen Ärger.
Porträtierte haben zunehmend Schwierigkeiten damit, anders gesehen zu werden als sie es selbst für richtig und schicklich halten. Sie schreiben böse Briefe, drohen mit dem Anwalt, sehen ihr Persönlichkeitsrecht mit Füßen getreten, erwarten Widerruf und Entschädigung, verfluchen den Journalismus im Allgemeinen und den konkreten Journalisten im Besonderen. Leider werden solche (narzisstischen) Reaktionen auch von Richtern zunehmend unterstützt.
In Zeiten der Selbstvermarktung des Einzelnen scheint es normal zu sein, das Bild, das man in der Öffentlichkeit abgibt, kontrollieren zu wollen. Machen doch alle! Und weil es die Stars und Wichtigtuer so machen, möchte sich jede und jeder zum Sympathieträger stilisieren. Wer an diesen Selbstbildern kratzt, kriegt eine gewischt. Für Journalisten, die Porträts schreiben, ein echtes Dilemma. Denn wer sich eine Beschreibung vom Beschriebenen genehmigen lassen muss, kann im Grunde gleich PR machen.
Jeder Reporter hat die Pflicht, am Ende der Recherche wieder Abstand zum Gegenstand zu gewinnen. Er darf sich nicht mit denen gemein machen, die er beschreibt. Sonst lesen wir bald nur noch jene inflationär sich verbreitenden Porträts ganz toller Menschen, die sich ihren nächsten Karrieresprung, ihren neuen Film, ihren gelungenen Deal von einem Journalisten promoten lassen.
Wolfgang Michal |
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