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Saarland, Sachsen, Thüringen: Mit starken Begriffen versuchen die Medien, den Bundestagswahlkampf noch einmal aufzubrezeln. Doch die eigentlich spannende Frage bleibt außen vor: Was wollen die vielen Nichtwähler?
Bei der Bundestagswahl am 27. September wird es 62,2 Millionen Wahlberechtigte geben. Zehn Prozent davon, 6,22 Millionen, konnten am vergangenen Sonntag ihre Stimme abgeben. Gewählt haben 3,44 Millionen - oder 5,5 Prozent der bundesweit Wahlberechtigten. Das ist zu wenig, um eine verlässliche Prognose für die kommende Bundestagswahl daraus ableiten zu können.
Versucht wurde es trotzdem. ARD-Zahlenmonster Jörg Schönenborn war sichtlich bestrebt, die CDU aus ihrem Halbschlaf zu wecken. Steil und tief sackten die schwarzen Säulen in den Infographiken nach unten. Dunkelrote Türme wuchsen drohend empor. BILD erhob „Lafo“ zum Titelhelden. Das alles signalisierte: „Absturz!“ „Katastrophe!“, „Kantersieg!“ „Triumph!“ – Und sollte heißen: Kehrt um, ihr Bürgerlichen! Macht endlich den guten alten Lagerwahlkampf!
Merkel aber wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, würde sie den Medienbedürfnissen nachgeben. Sie weiß: Am vergangenen Sonntag gab es – insgesamt gesehen - weder einen „Erdrutschsieg“ noch einen „Erdrutschverlust“. Selbst der so laut hinausposaunte „Triumph der Linken“ schmolz zusammen wie Butter in der Sonne.
Achja? Hat denn die Linke im Saarland ihre Stimmenzahl nicht verzehnfacht? Hat die CDU in Thüringen nicht über 24 Prozent ihrer bisherigen Wähler verloren, in Sachsen 15,4 Prozent, im Saarland 12 Prozent? Hat die SPD in Thüringen nicht 33,5 Prozent an neuen Wählern dazu gewonnen?
Dochdoch, das ist alles richtig! Aber die Wahlbeteiligung und die gewählten Bezugsgrößen verzerren die Prozentrechnung.
Zählen wir die Stimmen doch einfach nach dem alten Prinzip „One man, one vote“. Das scheint noch das ehrlichste aller Verfahren zu sein. Dann ergibt sich folgendes Bild: Die FDP hat die Zahl ihrer Wähler im Vergleich zu den letzten drei Landtagswahlen um 125.867 gesteigert. Die Piraten haben 34.620 Wähler hinzugewonnen, die Grünen 34.139, die SPD 26.857. Und die Linken, die haben sage und schreibe jetzt 8.346 Wähler mehr. Was Lafontaine im Westen dazu gewann, verspielten die sächsischen Genossen im Osten.
Schwarz-Gelb beklagte unterm Strich einen Verlust von 136.336 Wählern. Rot-Rot-Grün konnte 69.342 Wähler hinzu gewinnen.
Diese mageren Zahlen zeigen überdeutlich: Hier geht’s um Peanuts. Bei 62,2 Millionen Wahlberechtigten fallen derart minimale Verschiebungen kaum ins Gewicht. Entscheidender wird die Frage sein, wie viele der 62,2 Millionen Wahlberechtigten am 27. September wählen gehen.
Hier müssten die Parteien, die einen Politikwechsel wollen, ansetzen.
Aber bislang bequemt sich keines der großen Meinungsforschungsinstitute (und leider auch keiner der Auftraggeber aus Medien und Politik), einmal gezielt (und nicht nur oberflächlich) die politischen Präferenzen und Überzeugungen der Nichtwähler zu erforschen. 20 bis 50 Prozent aller Wahlberechtigten, also 12 bis 31 Millionen Bürger, werden auf diese Weise aussortiert und politisch ignoriert.
Aber am Wahlabend, da werden dann alle wieder sehr „überrascht“ sein. wm Dazu Debattenmöglichkeit auf Carta.info |